Der Schutzheilige der Unterdrückten, Unangepassten und Ausgestossenen!
Im Februar 2006 wäre er 74 Jahre alt geworden: Johnny Cash - verwegener Pionier, legendäre Ikone, graue Eminenz, patriachalischer Übervater oder schlicht der "Duke Of Country". Cash machte das ländlich-provinzielle Genre massenkompatibel und verlor dennoch nie seinen poetischen Zorn. Mit sonorem Sprechblues schlug sich der Irokesen-Nachfahre und einstige Dauer-Drogen-Konsument stets auf die Seite der Unterdrückten, Unangepassten und Ausgestoßenen, brachte sein soziales Engagement stets glaubhaft rüber.
Als drittes von sieben Kindern wird John R. Cash am 26.02. 1932 in Kingsland, Arkansas, geboren. Seine Eltern, Ray und Annie Cash, gottesfürchtige Baumwollpflücker, schicken Klein-John trotz ständiger Ebbe in der Haushaltskasse auf die Dyess High School, wo der schmucke Siebzehnjährige 1949 seinen ersten Talentwettbewerb gewinnt - den ersten Song hatte er schon mit 12 komponiert. Ein Jahr später folgt er der Einberufung zur Air Force, wird prompt nach Deutschland versetzt, gründet die Formation Landsberg Babarians und verlässt die Armee fünf Jahre später im Rang eines Sergeants. Um sich über Wasser zu halten, jobbt er u.a. als Handlungsreisender und Fabrikarbeiter - Cashs heiße Leidenschaft bleibt indes die Musik. Hautnah erlebt der 22jährige die Geburt des Rock'n'Roll bzw. dessen wilden Cousins Rockabilly. Mit seiner ersten US-Formation, dem Duo Tennessee Two (später Tennessee Three), entdeckt ihn 1955 Sam Phillips, Besitzer des in Memphis beheimateten Labels Sun Records, bei einem der unzähligen lokalen Auftritte. | Phillips hält zwar zunächst nicht viel von dem gospelnden Hünen mit dem seltsam-simplen Gitarrenstil und der stets belegt wirkenden Stimme. Er stellt ihn aber, nachdem er seine Komposition "Hey Porter" gehört hat, gleichberechtigt neben Roy Orbison, Carl Perkins, Jerry Lee Lewis und einen gerade ebenfalls entdeckten Trucker, Elvis Aaron Presley, in sein Artist Roster. Doch während seine Kollegen in den kommenden beiden Jahren die Rock'n'Roll-Revolution entfachen, bleibt Cash mit stark Country-infiziertem Material und einem kaum zu verleugnenden Gospel-Faible, u.a. auf den Songs "Cry, Cry, Cry", "Folsom Prison Blues" und "I Walk The Line", ein nur lokal im Süden und Mittelwesten der USA beachteter Nachwuchsinterpret.
Erst im Dezember 1958 gelingt mit "It's Just About Time" der erste landesweite Hit, nachdem ein Jahr zuvor das erste Sun-Album "Johnny Cash With His Hot & Blue Guitar" sich als Flop erwies. Wenig später verlässt der frischgebackene Star im Streit Phillips Label, um einen hochdotierten Vertrag mit Columbia Records zu unterzeichen. Mit dem Major-Debüt "The Fabulous Johnny Cash" gelingt ein lukrativer Rang 19 in den Billboard Charts. In den folgenden Jahren veröffentlicht Cash diverse erfolgreiche Alben - "The Fabulous Johnny Cash" ('59), "Songs Of Our Soil" ('60), "Blood, Sweat & Tears" ('63), "Bitter Tears - Ballads Of The American Indians" ('65), "Everybody Loves A Nut" ('66). Cash entwickelt aber auch einen ungeheuren Appetit auf Weckamine und Tranzquilizer, die er paranoid in einem Nylonstrumpf im Bauch seiner Akustikgitarre versteckt und mit Unmengen süßlichem Likör oder Southern Comfort runterspült. | Extrem gewalttätig, stark stimmungsschwankend und mehr und mehr unzuverlässig, gerät zuerst seine Ehe mit Vivien Liberto unter die Räder, dann auch seine florierende Karriere. Cashs Fangemeinde, eine vorwiegend simpel gestrickte, weiße Blue Collar-Klientel, identifiziert sich dennoch vorbehaltlos mit dem durch spektakuläre Drogen-Busts und Ausfälle berüchtigten Gossenpoeten. Das durch die Medien initiierte Outlaw-Image des "All American Underdogs" nimmt hier zumindest zum Teil seinen Ausgangspunkt. Mehrere angeblich längerfristige Gefängnisaufenthalte gehören allerdings ins Reich der Mythen.
Zähmen kann das Country-Biest erst eine Frau: June Carter, Spross des legendären Carter Family-Clans, der in den USA schon seit der Jahrhundertwende im Folk, Bluegrass, Hillbilly und Country den Ton angibt. Nach ihrer Heirat 1968 lenkt die strenggläubige, dunkelhaarige Schönheit die zweite Karrierephase ihres Gatten mit coolem Kalkül: Die beiden mit Grammies ausgezeichneten Konzertmitschnitte "At Folsom Prison" und "At San Quentin", seine wöchentliche TV-Reihe "The Johnny Cash Show" mit damaligen Jungrebellen wie Neil Young, Hank Williams Jr., Kris Kristofferson und Waylon Jennings, seine künstlerische Kollaboration mit Bob Dylan sowie seine erneute religiöse Bekehrung helfen, Cashs Namen zu re-etablieren. Die "Wild Voice Of Country" engagiert sich in den siebziger und achtziger Jahren gegen den Vietnamkrieg, gastiert hinter dem "Eisernen Vorhang", publiziert mehrere Bücher ("Man In Black", "Man In White"), beteiligt sich an U2s "Rattle And Hum" und partizipiert an den beiden immens erfolgreichen All-Star-Ensembles The Survivors (mit Jerry Lee Lewis und Carl Perkins) und The Highwayman (mit Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson). | Derweil feiert die zweite Cash-Carter-Generation (u.a. Tochter Rosanne Cash) Erfolge in Nashville. Produzentenlegende Rick Rubin gelingt es schließlich mit seinem Back-To-The-Roots-Stil auf den Alben "American Recordings" ('94), "Unchained" ('96), "American III: Solitary Man" ('00) und "American IV": The Man Comes Around" ('02), Cash auch für jüngere Generationen interessant tönen zu lassen. Gerüchte um gesundheitliche Probleme und eine tiefverwurzelte Depression des siebenfachen Grammy-Gewinners machen die Runde. 1997 wird bei Cash schließlich die Parkinson'sche Krankheit diagnostiziert. Ihr rapides Fortschreiten machen es dem "Elder Statesman Of Country" von da an unmöglich, einzelne Konzertgastspiele oder gar eine Tournee zu absolvieren. Johnny Cash stirbt am 12. September 2003, vier Monate nachdem seine Frau June das Zeitliche segnete, in einem Krankenhaus in Nashville an den Folgen einer schweren Diabetes. Beide finden ihre letzte Ruhe im Memory Park, Sumner County Tennessee.
Pünktlich zum Kinostart der mit vier Golden Globes ausgezeichneten Hollywood-Filmbiografie "Walk The Line" - in den Hauptrollen Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon - erinnert die Label übergreifende Kompilation "Ring Of Fire: The Legend Of Johnny Cash" an den unumstritten größten amerikanischen Country-Interpreten. Auf 21 Tracks folgt sie akribisch den Spuren und Karriereeckpfeilern einer Legende - von den Anfängen auf Sun Records über die fast 30 Jahre währende, künstlerisch abwechslungsreiche Ära bei Columbia und die Folgezeit bei Mercury bis hin zu den künstlerisch hochwertigen Spätproduktionen mit Rick Rubin auf American Recordings.